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Weniger Routine für mehr Leben

05 - 03 - 2019

Ein orts- und zeitunabhängiges Arbeits- und Lebensmodell.

von Anja Glover

Letztens wurde ich gefragt, warum ich so rastlos sei. Dabei hatte ich geglaubt, mit beiden Füssen im Leben zu stehen. Aber man wisse ja nie, wo ich mich gerade aufhalte, erwiderte meine Freundin. Das stimmt, das weiss ich ja selber kaum.

Der Grund dafür ist, dass ich mich vor Routine fürchte. Ich erachte sie als Gift, das man zu einem gewissen Masse braucht, aber sobald man zu viel davon hat, erlahmt der Geist, dann wird das Leben langweilig und träge. Natürlich gewährt sie vielen Menschen Sicherheit und Stabilität im Leben, die sie sich wünschen. Ich glaube aber, dass es unser Ziel ist, zu spüren, dass wir existieren, wahrzunehmen, dass wir leben und dass dieser Zustand vergänglich ist. Der Tod bleibt nun mal das Schicksal unser aller. Warum also das Leben konsequent aufschieben? Warum sollte jeder Tag sein, wie der vergangene und der kommende?

Meine finanzielle Sicherheit mag gering sein und trotzdem möchte ich reich sterben. Ich möchte, dass mein Leben reich an Begegnungen, Erfahrungen und Abenteuern ist. Dazu brauche man aber Geld und ausserdem hätte ich Glück, von überall her arbeiten zu können. Das stimmt, ich habe Glück. Als Schweizerin hat man grundsätzlich Glück in dieser Welt. Und genau deshalb gibt es wenig Ausreden. Es sind viel eher die Entscheidungen, die wir treffen, die uns Möglichkeiten eröffnen und andere ausschlagen. Umstände lassen sich anpassen, die Frage ist nur, wo man die Prioritäten setzt. Dieses Jahr habe ich nur etwa einen Monat in der Schweiz verbracht. Dabei habe ich weit weniger bezahlt als mich eine Wohnung hierzulande Miete gekostet hätte. Erstaunlich viele Menschen öffnen nämlich gerne ihr Zuhause und als Gegenleistung sind sie dann mein Gast, wo auch immer ich mich gerade befinde und so wenig Platz ich auch habe.

Mit Reisen meine ich nicht einen all-inclusive Mallorca Urlaub, sondern eine Reise, die das Selbst- und das Weltbewusstsein steigern. Es geht darum, zu suchen, was einem fremd ist, um sich selbst und seine Umwelt besser kennen und schätzen zu lernen. Dasselbe gilt mit Fremdsprachen. Ist es nicht schade von den noch rund 6000 existierenden Sprachen nur die eine angeborene halbwegs zu beherrschen?

Wäre ich nicht losgezogen, um die Welt zu erkunden, wie viel von dem, was mir heute lieb und wichtig ist, wäre mir verborgen geblieben? Daraus lässt sich nur erahnen, was es alles noch zu erfahren gibt. Deshalb bin ich rastlos, deshalb reise ich und lebe mal hier und mal dort. Ich versuche von dieser Welt da draussen so viel zu erfahren, wie ich kann, denn das ist wenig genug.

Das schlichte Gefühl, fremd zu sein und nicht zu verstehen, waren zumindest für die Entwicklung meiner Persönlichkeit entscheidend. Die Desorientierung ermöglicht das Reifen. Wichtig ist nur, sich Zeit zu lassen. Eine Kultur zu verstehen, heisst nicht nur, sie zu besuchen, sondern sich mit ihrer moralischen Vorstellungen auseinanderzusetzen. Was wir für richtig und falsch halten, ist vorerst das Resultat unserer Erziehung, unserer Umgebung, der Luft, die wir einatmen und der Medien, Filme und Bücher, die wir konsumieren. Alle sie gestalten unsere Identität und Überzeugung, von welcher wir glauben, dass sie richtig ist. Wir sind schlichtweg davon überzeugt, dass unsere Art zu leben, die vernünftigste ist und glauben, dass wir uns von all den möglichen Arten selbst für diese entschieden haben. Wir vergessen, dass unsere Lebensweise eine von vielen möglichen ist. Das ist menschlich. Schliesslich glauben wir ja auch, dass wir uns frei dazu entscheiden, wie wir politisch denken und handeln oder ob wir an Gott glauben oder nicht. Dass es sich um einen historischen und geografischen Zufall handelt, bleibt unausgesprochen.

Ich verneine nicht die persönliche Identität und Urteilskraft. Das hier ist der Versuch aufzuzeigen, dass es auch anders hätte sein können und dass es sich lohnt, anderes kennenzulernen. Dazu muss man nicht rastlos sein, es reicht schon, wenn man Dalai Lamas Predigt folgt, aber wahrhaftig und nicht all-inclusive: „Geh einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch nie davor warst.“ Und dann sieh dich um, hör dich um, rieche die Luft und kommuniziere mit dem Menschen, dazu muss man nicht einmal ihre Sprache verstehen. Wer reist, schult seine Neugierde, ist getrieben davon, wissen zu wollen, wie es gewesen wäre, wenn es anders gekommen wäre. Wie wäre es, wenn man in einer Stadt aufgewachsen wäre anstatt auf dem Land? Wie wäre es, wenn man einen anderen Beruf erlernt hätte? Sich in einen anderen Menschen verliebt hätte? Das Leben besteht aus so vielen Möglichkeiten, da scheint mir Routine einfach limitiert Platz zu haben. Reisen macht süchtig nach Wissen und Lernen und es stillt die Sucht nach materiellem Reichtum.

Ich habe mal gelesen, dass nicht nur Pflanzen, sondern auch Menschen ab und zu umgetopft werden müssen. Meine Wurzeln habe ich (noch) nicht an Orten geschlagen, sondern bei Menschen, meiner Familie und meinen Freunden, meine Heimat ist die Welt. Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan?