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Über die Kakaoproduktion

24 - 08 - 2021

Über die oft prekären Bedingungen im Kakaoanbau wissen nur wenige Bescheid. Das will diese junge Luzernerin ändern – und gibt Tipps für den achtsamen Genuss.

Text Dana Liechti

Blick: Artikel und Video

Ein Hauch Kakaopulver auf dem morgendlichen Cappuccino, ein Schoggistängeli als Energiespender bei der Arbeit, ein Stück Kuchen zum Treffen mit der Freundin: Schokolade ist hierzulande Trumpf. Rund zehn Kilo essen wir jährlich pro Kopf – und gehören damit zur Weltspitze im Schoggikonsum.

Und doch: Der Anblick einer Kakaoschote oder -blüte ist den meisten unbekannt. «Obwohl sie jeden Tag Schoggi essen, wissen viele nicht, woher sie eigentlich kommt», sagt Anja Glover (28). Deshalb klärt die Luzernerin, die eine eigene Kommunikationsagentur leitet, mit Podcasts oder mit Workshops in Schulen darüber auf.

Millionengewinne für Schoggikonzerne

«Das grösste Problem ist die Ignoranz», sagt Glover, «wir wissen oftmals gar nicht, wie viel Wert, Arbeit und Geschichte in einer Tafel Schokolade steckt – und was alles falsch läuft in der Kakao-Produktion.» Während Schoggikonzerne Millionengewinne verzeichnen, leben viele Kakaobäuerinnen und -bauern in grosser Armut. Auch Kinderarbeit ist im Kakaoanbau nach wie vor traurige Realität. Allein in der Elfenbeinküste und in Ghana, den beiden Hauptproduzenten, schuften mehr als zwei Millionen Kinder auf den Plantagen. Zudem sorgen Waldrodung sowie Pestizideinsatz für Umweltschäden und schwindende Artenvielfalt.

Das sei kein Zufall, meint Glover: «Dass man im globalen Norden zum Beispiel weiss und akzeptiert, dass für die Schoggi, die unsere Kinder essen, andere Kinder auf Plantagen schuften, ist sehr stark mit dem Kolonialismus und auch mit Rassismus verknüpft – diese Selbstverständlichkeit, dass gewisse Menschen anders behandelt werden als andere.»

 

Aufklärung ist notwendig

Über solche Zusammenhänge, aber auch darüber, wie man Schoggi achtsamer konsumieren kann, wollte Glover auch im Rahmen eines Festivals aufklären. Dort sollten Schokoladenproduzentinnen und -verarbeiter, die für eine faire, biologische und achtsame Produktionsweise einstehen, ihre Erzeugnisse vorstellen – aber auch die Geschichten der Menschen erzählen, die den Kakao anbauen. Doch das von Glover initiierte und für 2020 geplante «Schoggifestival ehrundredlich» musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Noch ist unklar, ob es nachgeholt wird. «Aber die Idee dahinter lebt weiter.»

Das Engagement der jungen Frau für die Kakaobäuerinnen und -bauern kommt nicht von ungefähr; es liegt in der Familie: Vor 14 Jahren gründeten ihre Eltern in Ghana, dem Geburtsland ihres Vaters, ein Projekt, bei dem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im Biokakaoanbau geschult werden.

Biokakao für die Schweiz

Mit Erfolg: Mittlerweile liefert die nach Glovers Vater benannte Firma Yayra Glover jedes Jahr grosse Mengen Biokakao in die Schweiz. Anfang Juli stattete Bundesrätin Simonetta Sommaruga dem Betrieb während einer offiziellen Reise in Ghana sogar einen Besuch ab.

«Das war sehr toll für uns», sagt Anja Glover. Denn der Weg dahin sei nicht immer leicht gewesen. «Wir sind in Willisau aufgewachsen und waren dort die erste Schwarze Familie.» Obwohl ihr Vater in der Schweiz studiert hatte, waren seine beruflichen Aussichten schlecht. «Die Schweiz war damals noch nicht so weit», sagt Glover.

Der Ball liegt bei den Konsumenten

Auch der Aufbau des Projekts sei nur mit vielen Entbehrungen möglich gewesen: «Mein Vater arbeitete in Ghana, während meine Mutter uns vier Kinder hier mit einem sehr tiefen Einkommen aufzog. Umso schöner, dass es funktioniert hat und die Arbeit heute geschätzt wird.» Das Beispiel ihrer Eltern zeige, dass auch einzelne Personen etwas verändern können, findet Glover.

Doch was können Konsumentinnen tun? Einerseits appelliert Glover an Schoggifreunde, ihren Genuss ein wenig einzuschränken: «Niemand braucht drei Tafeln am Tag», sagt sie und lacht. Es könne auch sinnvoll sein, sich zu fragen, in welchen Produkten, die man kaufe, Schokolade stecke, über deren Herkunft man zu wenig wisse. «Wir müssen generell anfangen, Fragen zu stellen, so wie wir es als Kinder getan haben: Woher kommt etwas? Wer steckt dahinter? Wie arbeiten die Menschen und warum tun sie es so?»

Für einen Genuss ohne schlechtes Gewissen empfiehlt Glover in ihren Workshops Schokolade von Anbietern wie etwa Claro Fair Trade, Felchlin oder Fairafric. Dass solche Produkte in den Augen mancher Konsumenten zu teuer sein könnten, lässt sie nicht gelten. «Es geht schlicht darum, wo unsere Werte liegen», sagt sie. «Wir sind bereit, sehr viel Geld für elektronische Geräte auszugeben. Warum haben wir das Gefühl, dass Schokolade nicht auch eine solche Wertschätzung verdient?»