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News-Terror wegen Terror-News

11 - 07 - 2016

Kolumne Willisauer Bote

Anja Glover

Meine Schwester und ich waren uns immer sehr ähnlich gewesen. Wir hörten dieselbe Musik, lachten über dieselben unlustigen Dinge und liebten dieselben Menschen. In all den Jahren hatte es immer nur eine Sache gegeben, um die ich sie benieden habe: Ihre allgegenwärtige Sorglosigkeit. Sie schien das Leben getrieben von Lust und Freude, ungehemmt aller möglichen Gefahren zu geniessen. Während ich auf Reisen nach gefährlichen Menschen Ausschau hielt und stets alle Fluchtmöglichkeiten durchdacht hatte, fotografierte sie den Sonnenuntergang. Und während ich alle möglichen Artikel über krankheitsübertragende Mäuse im Dschungel von Thailand las, war sie längst dabei, das Flusswasser schwimmend zu geniessen. In der festen Überzeugung, vom Schlechten nur dann überrascht zu werden, wenn es ihr Schicksal so wollte, bevorzugte sie es, an das Gute zu glauben.

Was hat das mit News-Abstinenz gemeinsam? Es ist Sommer 2016, eine Zeit der vom Terror dominierten Schlagzeilen. Die Welt, in der wir leben, ist geprägt von ständiger Zugänglichkeit, von erwarteter Erreichbarkeit und von unermüdlichem Informationsfluss. Es erscheint plötzlich schwierig, Pendlerin, Journalistin, Studentin, Tochter, Schwester, Freundin, Reisende zu sein. Jeder Situation haftet etwas Unangenehmes an – das unangenehm hilflose Gefühl, nichts tun zu können und in einer schlechten Welt zu leben. Die Schlagzeilen bringen es zustande, uns täglich darauf hinzuweisen, dass wir alle sterben werden und liefern uns zugleich ein Facettenreichtum an Möglichkeiten, die es für dieses besiegelte Schicksal gibt. Es fühlt sich schlecht an, morgens die Schlagzeilen auf den Sozialen Medien aufblinken zu sehen, das Radio im Büro eingeschaltet zu haben oder den Feierabend mit Gratiszeitungen im Zug zu verbringen. Die Schlagzeilen treffen den Leser ins Herz wie ein Hammer den Nagel auf den Kopf: X Tote, Terroranschlag, Burnout, Bomben, Krieg, Überschwemmung, Erdbeben, Vergewaltigung, Messerstecherei. Die Welt ist schlimmer geworden, dessen sind sich die Medienkonsumenten sicher.

Mehr Meer und weniger News

Und dann beginnen die Ferien an einem Ort frei von der Allgegenwärtigkeit des Internets. Abgeschieden von negativen Schlagzeilen realisiert man die Schönheit des Meeres, die Weite des Strandes, die Strahlkraft der Sterne, die Zeit, die man für Gespräche nutzen und mit Familie und Freunden geniessen kann. Die Gefahren scheinen an einen fernen Ort verbannt, fast schon vergessen.

In totaler Schlagzeilenlosigkeit, wurde mir bewusst, dass all die Informationen der Kurzschlagzeilen zwar anzüglich und leicht konsumierbar sind, jedoch an Stelle von nützlichem Wissen nur Kopf- oder Bauchschmerzen hinterlassen. So funktionieren wir Menschen, wir reagieren auf furchterregende Bilder, packende Geschichten und erschreckende Fakten. Es sind die nach Sensation lechzenden, gierigen Augen der Leser, welche die Medien dazu motivieren, täglich Angst, Sorgen und das Bild einer schlechteren Welt zu produzieren. Natürlich glaubt der Leser, übertriebene Schlagzeilen mit Vernunft wahrnehmen zu können. Tatsache ist aber, dass sie ihn in seinem Handeln beeinflussen. Tatsache ist, dass ich an einem Flughafen in Frankreich diesen Sommer Angst hatte, obwohl die Wahrscheinlichkeit einer Gefahr nicht wirklich gestiegen ist. Wir konsumieren in der täglich festen Überzeugung, dass die Medien von unser aller Morgen berichten und der späten Erkenntnis, dass es sich oft um Parodien des Lebens handelt. Radikal gesagt sind News für das eigene Leben und die damit verbundenen Entscheidungen unbedeutend. Sie sind höchstens unterhaltsam. Für die Medien ist relevant, was Aufmerksamkeit verspricht, was aber ist relevant für unser Leben?

Schlagzeilenlos

Der rege Schlagzeilenkonsum gibt dem Leser das Gefühl informiert und teilnehmend zu sein. Doch wer damit glaubt, etwas verändert zu haben oder tatsächlich mehr zu wissen, ist dem Selbstbetrug zum Opfer geworden. Durch die Einfachheit der schnell zu konsumierenden Schlagzeilen, schafft es der Leser nämlich, komplexe, tiefgründige und hinterfragte Informationen systematisch zu ignorieren, wobei genau dieses Wissen relevant für das Verständnis unserer Lebenswelt wäre. Er ist nicht gewillt, das in den News erlangte Wissen zu hinterfragen, solange es befriedigend funktioniert. Er weiss, dass er nicht alles weiss und glaubt, dass die Medien das wissen könnten, was er nicht weiss. Das ist auch so, die Frage ist nur, welchen Medien wir dieses Vertrauen schenken, welchem Journalismus es gebührt, Zeit zu widmen. Es fehlt uns nicht an Informationen, es fehlt uns an gezielter Aufmerksamkeit, für die wir schlichtweg keine Zeit haben, weil wir viel zu sehr damit beschäftigt sind, die Kurznachrichten zu verfolgen.

Gönnen Sie sich eine Auszeit der News und nehmen Sie sich die Zeit für gute Bücher, tiefgründige Zeitungen, bewährte Magazine. Lesen Sie viel, aber gezielt. Mein Vorsatz fürs neue Jahr – für Studenten beginnt das Jahr im September – ist nicht etwa gesünder zu essen, mehr zu schlafen oder mehr Sport zu treiben, sondern ein radikaler Schlagzeilenentzug.

Der Text ist am 09. September 2016 als Kolumne im Willisauer Boten erschienen.