Texture of old organic light cream paper, background for design with copy space text or image. Recyclable material, has small inclusions of cellulose

Soziologische Untersuchung von Paris nach den Anschlägen 2015/2016

17 - 03 - 2017

Im Sommer und Herbst 2016 war ich schreiberisch vor allem wissenschaftlich tätig und verfasste ich meine Bachelorarbeit mit dem Titel #jesuisenterrasse, welche im März 2017  mit dem Preis für herausragende Arbeiten ausgezeichnet wurde.

 

Ein Auszug aus dem Gutachten von Dr. phil Il-Tschung Lim (Universität Giessen):

»One central reason for sociology’s disappearance from the public mind«, so konstatiert der US- amerikanische Soziologe Andrew Abbott in einem Aufsatz aus dem Jahr 1998, »has been our contempt for description. The public wants description, but we have despised it. Focusing on causality alone, we refuse to publish articles of pure description […] we who like to imagine ourselves responsible for the public’s knowledge of society despise description […].« Frau Anja Nunyola Glover hätte ihrer Bachelorarbeit auch dieses Zitat voranstellen können, anstelle jener ebenfalls von Abbott Jahre später formulierten forschungsprogrammatischen Herausforderung einer sogenannten lyrischen Soziologie, in der es im Kern um die Nobilitierung einer spezifischen, die Sinne und Emotionen der Leserinnen und Leser adressierenden soziologischen Prosa geht. In beiden Fällen hätte die dann anschließende Darstellung von Anja Glover auf außerordentlich eindrucksvolle Weise eingelöst, was der Abbott’sche Prätext in dem einen Fall als Defizit soziologischer Forschungslogiken moniert, um im anderen Fall gleich selbst einen konzeptionellen Vorschlag zur Bearbeitung der diagnostizierten Problemlage vorzulegen. Damit möchte ich gleich zu Beginn eine der herausragenden Qualitäten der vorliegenden ethnografischen Studie über das soziokulturelle Milieu junger Erwachsener im 10. Arrondissement im Osten von Paris hervorheben. Anja Glover gelingt es auf faszinierende Weise, mich als Leser dieser Darstellung an den Ort ihrer Feldforschung zu führen – und zwar weder durch das Arrangement einer Überfülle empirischer Daten, deren Faktizität und Selbstevidenz man schlicht unterstellt, noch durch die konzeptionelle Eleganz eines empiriefreien sozialwissenschaftlichen Glasperlenspiels. Es ist vielmehr die gewählte Darstellungsform, die es mit Clifford Geertz gesprochen vermag, den Leser und die Leserin davon zu überzeugen, dass die Forscherin an Ort und Stelle des dargestellten Geschehens war, jenes ›having been there‹, in der sich die besondere Qualität der vorliegenden Arbeit ausdrückt und die mit ihr erhobenen soziologischen Ansprüche auf Explikation dessen zur Geltung bringen, was zwar Teil der eigenen (westlich-europäischen) Kultur ist, aber methodisch gegen jede vorschnelle Vertraulichkeit verfremdet wird, um sodann Objekt der soziologischen Neugier werden zu können. Um es vorwegzunehmen: Anja Nunyola Glover hat in ihrer Bachelorarbeit eine glänzende sozialethnografische Studie vorgelegt, die methodisch rigoros und sorgfältig ist, die in der Umsetzung ihres Forschungsprojekts außerordentlich skrupulös vorgeht und die über alle dem auch noch ein bemerkenswert feines Gespür in der Beobachtung kleiner, aber feiner Details offenbart, das sich in vielen gedanklichen Miniaturen Ausdruck verschafft.

Wohin führt uns nun die vorliegende Studie? Und wie geht Anja Glover im Zuge der Darstellung ihres Forschungsprozesses im Einzelnen vor?

Die Arbeit ist in insgesamt acht Kapitel untergliedert; die Einleitung informiert darüber, wie Anja Glover zu ihrem Thema und der Fragestellung gekommen ist.

Es ist eine mehr oder weniger beiläufige Beobachtung in den Tagen nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015, die zum Initial der vorliegenden Studie wird: »#jesuisenterrasse«, so auch der Titel der Arbeit, taucht als Hashtag in den sozialen Medien auf; der Ausspruch verbreitet sich rasch und wird »die wohl bekannteste Variation« des Hashtags #jesuischarlie«, mit dem die französische Öffentlichkeit ihre Solidarität mit dem Satiremagazin CHARLIE HEBDO nach dem Terroranschlag auf deren Redaktionsräume kundtat. »Ich bin auf der Terrasse«, wird zur Losung einer Protesthaltung insbesondere junger Erwachsener im Osten von Paris, die sich von den Terroranschlägen nicht einschüchtern lassen wollen und ihren Lebensstil, eben jenes im weiteren Verlauf der Arbeit noch zu ergründende ›auf der Terrasse sein‹, unbeirrt verteidigen und weiterleben. Durch den Hashtag #jesuisenterrasse auf die Spur gesetzt, entwickelt Anja Glover schließlich ihr Forschungsvorhaben, dem folgende Fragestellung zugrunde liegt: »Wie sehen die Alltagspraktiken auf der öffentlichen Terrasse im Pariser Osten aus und lässt sich daran ein Lebensstil erkennen, welcher der Terrasse eine zentrale Bedeutung attestiert und das Hashtag #jesuisenterrasse als Identität einer Gesellschaft erkennen lässt?« Es geht mit anderen Worten um die ethnografische Untersuchung einer ›kleinen Lebenswelt‹ (Honer) im östlichen Paris, die Anja Glover methodisch durch teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews rekonstruktiv ›aufschließt‹. Methodologisch gerahmt ist die Arbeit durch einen ›methodischen Situationismus‹ (Knor-Cetina), insofern die Terrasse des Cafés/Restaurants/der Bar »La Sardine« das Laboratorium der mehrmonatigen ethnografischen Studie bildet. Hier kommt der Zugang ins Feld zum Abschluss und wird die Integration in die Lokalität vollzogen, um an diesem einen Fall das empirische Wissen zu gewinnen. […]

17 - 03 - 2017

„Anja Glover gelingt es auf faszinierende Weise, mich als Leser dieser Darstellung an den Ort ihrer Feldforschung zu führen – und zwar weder durch das Arrangement einer Überfülle empirischer Daten, deren Faktizität und Selbstevidenz man schlicht unterstellt, noch durch die konzeptionelle Eleganz eines empiriefreien sozialwissenschaftlichen Glasperlenspiels.“

Prof. Dr. Il-Tschung Lim

Ein grosses Dankeschön!

An dieser Stelle möchte ich gerne Sandra Glover danken, die mich in jeglichen Vorhaben inklusive dem Unterfangen dieser Arbeit stets unterstützt und angehört hat. Ein weiterer besonderer Dank gilt Lucas Salmon, der mit seinem Interesse und seiner unermüdlichen Bereitschaft, mit mir zu diskutieren, einen grossen Beitrag zu vorliegendem Ergebnis geleistet hat. Nicht zuletzt hat er mir den Einblick in sein Wohnquartier erst ermöglicht. Weiter möchte ich allen Beteiligten – vor allem auch den Interview- und Gesprächspartnern und den Menschen der „Sardine“ danken und jenen in der Schweiz, welche immer wieder mit mir diskutiert haben. Der Uni- versität Luzern und Dr. phil. Il-Tschung Lim danke ich für die Unterstützung, wel- che sich vor allem durch die Möglichkeit eines Auslandsemesters, das Erkennen meiner Interessen und Stärken und nicht zuletzt die wohlwollende Prüfung und Anerkennung der vorliegenden Arbeit geäussert hat.