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Streiken Sie heute?

13 - 06 - 2019

Der Frauenstreik am 14. Juni 2019 geht uns alle etwas an, auch wenn Sie sich nicht direkt betroffen fühlen.

von Anja Glover

 

Wahrscheinlich haben Sie sich jetzt schon eine Meinung zu meinem Artikel gebildet. Es wird seit Monaten über den Frauenstreik berichtet, also wissen Sie zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt, was Sie davon halten. An dieser Stelle erkläre ich gerne, was ich davon halte.

Vielleicht mögen Sie sich an 1991 erinnern: Damals, am 14. Juni legten eine halbe Million Frauen ihre Arbeit nieder und forderten die Gleichstellung. Mit violetten Ballonen und T-Shirts sorgten sie dafür, dass Kritik und Forderung nach Gleichberechtigung durch die Strassen schallten. Mich gab es damals noch nicht, ich kann nur von Erzählungen berichten. So kommt es, dass ich in einer Generation aufgewachsen bin, in der vieles bereits als selbstverständlich galt. Dass wir Frauen ein Stimmrecht oder das Recht haben, einen Arbeitsvertrag ohne das Einverständnis eines Mannes zu unterzeichnen, war nicht immer so. Zu verdanken haben wir das Feministinnen und Feministen verschiedenster Generationen.

Es stimmt: Seit dem Streik von 1991 ist sehr viel gegangen. Man bedenke, dass damals Vergewaltigung in der Ehe beispielsweise noch kein Offizialdelikt war. Aber auch 28 Jahre später kann man in der Schweiz nicht von Gleichberechtigung reden. Nach wie vor verdienen Frauen rund 20 Prozent weniger als Männer, wobei mehr als die Hälfte des Lohnunterschieds nicht mit fehlender Ausbildung, Erfahrung oder Verantwortung erklärbar ist.

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13 - 06 - 2019

Wenn ich heute auf die Strasse gehe, dann fordere ich lediglich, dass die Geschlechter von ihren gesellschaftlichen Rollen befreit werden und gleichberechtigt behandelt werden. Und obwohl ich weder Männer, noch BH’s oder schöne Kleider verachte, bin ich mit dieser schlichten Forderung eine Feministin. Sollten wir das demnach nicht alle sein?

Es braucht die Sensibilisierung heute, auch wenn Sie sich persönlich vielleicht völlig gleichberechtigt fühlen oder denken, dass ihre Mitmenschen gleichberechtigt seien. Tatsache ist, dass dem noch nicht so ist und wenn Sie es nicht spüren, dann jemand in ihrem nahen Umfeld. Unser Problem ist, dass so mancher nur das sehen möchte, was er bereits kennt. Unsere Gesellschaft erzieht Frauen nach wie vor anders als Männer, lehrt sie, ihre Bedürfnisse hinten anzustellen. Das Problem von Geschlechterrollen ist, dass sie uns sagen, wie wir sein sollten, anstatt uns zu zeigen, wie wir wirklich sind. Wie kommt es, dass beispielsweise noch immer so viele Frauen zu Hause hauptsächlich kochen und die meisten bekannten Köche Männer sind?

Auch schon erlebt?

Vor ein paar Jahren sollte ich bei einem Anlass aushelfen und Namenschildchen verteilen. Bei der Instruktion machte man mich darauf aufmerksam, dass ich unseren männlichen Gästen das Namensschild direkt auf die Brust kleben müsse, weil die das mögen. Bei Frauen natürlich nicht. Ich hatte aber keine Lust, jede Männerbrust anzufassen und mir die Bemerkungen anzuhören, also machte ich es nicht. Als dies dann zu einer Diskussion führte, musste ich mir Sätze anhören wie: „Nimm das doch mit etwas Humor!“, „Musst du immer alles so ernst sehen!“, „Manchmal kann man es auch übertreiben.“ Das stimmt, manchmal kann man das. Aber das hier war keine Übertreibung, sondern einfach richtig. Wenn es die Frauen hinkriegen, ihre Namen selber an die Brust zu kleben, dann können es die Männer auch. Ich weigerte mich auch, Kaffees zu servieren, die von Bürobesuchern ab und zu bei mir bestellt wurden, obwohl sie nicht mit mir, sondern mit meinen Arbeitskollegen verabredet waren. Die Liste, wie oft wir in der Arbeitswelt aber auch im Privatleben die klassische Rollenverteilung spüren, ist lange. Diese Beispiele mögen harmlos klingen. Es gibt leider auch drastischere: Amnesty International veröffentlichte eine Studie, laut der jede fünfte Frau schon „sexuelle Handlungen gegen den eigenen Willen“ erlebt, und jede zehnte Frau „Geschlechtsverkehr ohne Einverständnis“ erleiden musste. Der Zweifel, ob man das mit einem Streik ändern kann, mag eine gewisse Berechtigung haben. Dass es die Sensibilisierung aber braucht, ist für mich unumstritten.

Die gleichen Rechte

Ich bin in einer Familie von Feministinnen aufgewachsen, auch wenn sich wohl keine von ihnen als solche bezeichnen würde. Wahrscheinlich aus dem schlichten Grund, dass man mit Feminismus vielleicht eher nackte Brüste und Achselhaare in Verbindung bringt, als schlichte Gleichberechtigung. Aber diese Frauen waren es, die mich gelehrt haben, dass ich nicht in erster Linie einen Mann kennenlernen muss, um glücklich zu sein, sondern dass ich mich vor allem selbst kennen muss. Dass ich alles genau so erreichen kann, wie meine männlichen Mitmenschen. Und damit meine ich nicht, wie man Möbelstücke zusammenstellt, Auto fährt, oder wie man grilliert. Auch das habe ich von ihnen gelernt, aber vor allem haben sie mich gelehrt, selbstbestimmt zu handeln.

Dabei schliesst weder Feminismus noch der heutige Streik Männer aus. Ein Feminist ist ein Mensch, der daran glaubt, dass Frauen und Männer dieselben Rechte und Möglichkeiten haben sollten, das ist alles. Einer der liebevollsten Feministen, den ich kenne, ist mein kleiner Bruder. Er ist sich dessen noch nicht mal bewusst. Aber der Respekt, den er uns gegenüber hegt, die Selbstverständlichkeit, wenn es um Gleichberechtigung geht, zeigt, dass Feminismus für ihn längst natürlich ist und diese Haltung seiner Männlichkeit nichts abtut.

Dennoch weiss ich, dass längst nicht alle am heutigen Tag streiken werden. Aber genau diese Natürlichkeit, die Selbstverständlichkeit von Gleichberechtigung brauchen wir und müssen wir verteidigen. Es liegt in unserer Hand welche Botschaften wir als wichtig erachten und welche nicht. Heute geht es nicht darum, was man doch eigentlich meint oder „mitmeint“, es geht darum, was man sagt, tut oder nicht tut.

Vielleicht lesen Sie den Artikel jetzt gerade bei einem Kaffee und denken sich: „Das geht mich trotzdem nichts an, ich behandle alle gut oder fühle mich gut behandelt.“ Aber das tut es. Es geht uns alle etwas an. Auch wenn man sich nicht direkt betroffen fühlt. Wir müssen ein Zeichen setzen. Ob zu Hause, im Büro oder auf der Strasse.

Veröffentlicht in ihrer Kolumne im Willisauer Bote