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Der Sprung ins kalte Wasser

10 - 04 - 2020

 

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Gerade ist wieder unglaublich viel los. Weihnachten steht vor der Tür und irgendwie wird mir das immer erst zwei Wochen zuvor bewusst. Im Grunde ist mir Weihnachten auch gar nicht so wichtig. Auf die massenhaften Geschenke verzichten wir seit diesem Jahr gänzlich und sogar die Familientreffen sind reduziert. Wieso also der ganze Stress? Wahrscheinlich, weil bis Weihnachten alles abgeschlossen sein muss. Der Versuch, ein Jahr abzuschliessen, das ganz viele von uns gerne hinter sich lassen wollen, ist ganz schön anstrengend. In dem Versuch schwingt nämlich die Hoffnung mit, dass nächstes Jahr alles anders wird. Das wird es aber doch selten und die Welt funktioniert nicht wirklich nach unserer Zeiteinteilung, oder?

Ich überlege mir, wie ich denn nun auch noch diesen Text in meinen vollgestopften Adventsalltag bringe. Zugegeben, der blosse Gedanke daran, macht mich etwas nervös. Ich schaue mir meine Agenda an, dann meine To-Do List und dann die Uhrzeit. Irgendwie passt gerade gar nichts zusammen. Dann schaue ich nach draussen, sehe die Sonne, die sich zwischen den Wolken durchdrängt und mache alles zu: Laptop, Agenda, Notizbuch.

Ich ziehe mich warm an und gehe nach draussen, spaziere den schmalen Weg hinunter an den See. Wenn ich dieses Jahr etwas gelernt habe, dann, dass es ganz guttut, ab und zu einfach abzuschalten. Am See angekommen, betrachte ich die Möwen, die über den See dem Sonnenlicht entgegenfliegen, die weissen Berge dahinter, die so mächtig und doch so ruhig wirken. Ich atme tief ein und dann wieder aus, eine kleine Wolke bildet sich vor meinem Gesicht. Die Lufttemperatur beträgt vier Grad, und das Wasser? Die kleinen Wellen erreichen den Strand und ziehen sich dann wieder zurück. Wenn ich mich nur auf die Stelle konzentriere, an der das Wasser den Strand erreicht, sieht es fast aus, als ob ich am Meer wäre. Ein älterer Mann sitzt auf der Bank hinter mir und spielt auf seiner Gitarre.

Ich ziehe meine Kleider bis auf den Badeanzug und das Stirnband aus. Zu meinen Füssen spüre ich den kalten Sand, die Luft streichelt meine noch warme Haut.  Langsam gehe ich weiter vor. Das Wasser ist kalt, aber das Eintreten, das Verlassen der Komfortzone, ist reine Kopfsache. Das weiss ich, weil ich das jede Woche mache. Ich gehe weiter hinaus, lasse mich vom Wasser einhüllen, Schritt für Schritt, bis ich den Boden unter meinen Füssen nicht mehr spüre. Die Sonne erwärmt mein Gesicht kaum, ich spüre meinen ganzen Körper, nehme die Vögel wahr, die über meinen Kopf hinwegziehen, sehe die wenigen spazierenden Menschen, die mich interessiert beobachten. Vor mir zieht ein Segelboot in den See. Ich atme tief ein und lange aus. Es ist das Flüstern des Windes, das Rauschen des Wassers, die mich ankommen lassen.

Ich kann gar nicht anders, als an den jetzigen Moment zu denken, als im Hier und Jetzt zu sein. Ich habe meine To-Do Liste hinter mir gelassen und mir entgeht plötzlich ein kleiner Freudeschrei, vielleicht ist es auch Kälteschrei. Einfach, weil das gerade so real ist und weil ich so frei bin.

Dieses Jahr wurde ich so oft ins kalte Wasser geschubst, so oft, dass ich gar nicht mehr weiss, wo sich meine Komfortzone befindet. Was aber, wenn wir von alleine ins kalte Wasser gehen? Wenn wir uns den Herausforderungen stellen? Gibt es einen unangenehmeren Ort draussen im Winter als im kalten Wasser? Erst wenn man sich im Wasser befindet, spürt man die Freiheit. Und erst, wenn man wieder zu Hause sitzt, mit warmen Socken und dickem Pullover, spürt man die Wärme, in der man sich den ganzen Tag befindet, den Komfort, den man vor lauter Alltag schon gar nicht mehr wahrnimmt.

Danach ist alles anders. Alles in Ordnung. Alles halb so dramatisch. Ich gehe zurück, setze mich an meinen Schreibtisch. Draussen wird es langsam dunkel und ich tippe diese Zeilen. Wenn ich im Dezember baden kann, dann kann ich auch diesen Text hier schreiben und auch den nächsten. Und vielleicht wird ja nächstes Jahr tatsächlich alles anders.