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Das Zentrum meiner Welt

23 - 02 - 2018

Vor mir tobt ein wild gewordener Ozean, die Wellen überschlagen sich weit da draussen und treffen dann sanft aufs Land. Es hat was Beruhigendes, dieser ungezähmten Naturgewalt zuzusehen. Du warst es, die mir von der Welt da draussen erzählt hat und mich ermutigt hat, sie sehen zu gehen.

von Anja Glover

Das mache ich nun schon länger, so richtig bei dir ausgezogen bin ich trotzdem nie. Sind wir alle nicht. Wo auch immer ich weile, du bleibst mein zu Hause. Die Verbindung zwischen Mutter und Tochter soll angeblich die komplexeste zwischenmenschliche Beziehung überhaupt sein. Ich habe nie eine natürlichere erlebt. Wir verstehen uns, ohne Worte, ohne physische Nähe. Wir harmonieren wie jene Wellen mit dem Strand.

Mutter zu werden ist keine so komplizierte Sache. Eine gute Mutter zu sein hingegen, scheint mir die schwierigste aller Aufgaben. Obwohl ich da war, weiss ich nicht genau, wie du es gemacht hast. Wir hatten weder Regeln noch Ämtlipläne, weder Spielzimmer noch Nachhilfen, weder Sparkonto noch Babysitter. Wir hatten dich. Du warst unsere beste Freundin, von Anfang an. Unsere Wohnungen waren so klein, dass wir immer eng beieinander lebten. Und unsere Ferien fanden oft im Zelt statt. Es war nie kompliziert, nie mühsam, nie langweilig.

Es waren immer du und wir und all die anderen Kinder, die oft glücklicher gingen, als sie gekommen waren. Denn du warst eine zufriedene Natur, hast nie gejammert, nie reklamiert, nie Tulpen oder Autos gehabt, die wir nicht hätten zerstören dürfen.

Unsere Kindheit war eine Traumwelt. Sollte ich jemals Kinder haben, wünsche ich mir, im Schaffen dieser Welt nur halb so geschickt zu sein, wie du es bist. Du hast uns weder zurückgehalten noch bevormundet. Und das, obwohl du immer alles selber machen musstet: den Umzug, die Erziehung, das Verdienen, unser Spielhaus im Garten, die Gehege für unsere Tiere. Du hast Bäume gepflanzt und Wände gestrichen, hast unsere Kleider geflickt aber auch unser Auto, du bist meilenweit gefahren, damit wir das Meer sehen können und hast stundenlang mit uns diskutiert, damit wir lernen, eine eigene Meinung zu haben.

Heute feierst du Geburtstag. Du bist jetzt genau doppelt so alt wie ich. Damals, als du 25 warst, war ich bereits bei dir, in deinem Bauch. Verbunden durch die Nabelschnur. Wir waren ein Team und du das Zentrum meiner Welt. Denn du warst da vor allen anderen und bist immer geblieben.

Es liegt in der Natur des Kindes, seine Mutter zu lieben. Aber was ich für dich empfinde ist nicht einfach die Dankbarkeit einer Tochter. Du bist auch heute noch der Nabel meiner Welt. Eine Welt, deren Schauplatz irgendwo sein kann, aber deren Sicherheit für mich immer dasselbe Gesicht trägt.

Für dich ist das Muttersein weder Rolle, Aufgabe, Pflicht noch Hobby. Muttersein ist und war seit meiner Geburt dein Leben. In einer Welt, in der jeder nach Selbstverwirklichung und Individualität strebt, waren für dich Mutterliebe und Altruismus erfüllend. Und du bist und warst einfach verdammt gut darin. So gut, dass nicht nur deine, sondern auch zahlreiche andere Kinder zu dir kommen, um Rat zu suchen. Dein Heim ist ein willkommener Ort für alle, die ihn als solchen sehen wollen. Und das sind einige.

Ich weiss, dass all die Liebe, die du für uns hegst, ohne Preis nicht zu haben war. Aber was wir haben ist ewig. Wir werden nicht gehen und alle paar Monate für einen Besuch wieder kommen. Wir werden da sein, wie du es für uns immer warst und bist.

Ich danke dir für das Durchhaltevermögen, die Kraft, die Zeit und die Selbstverständlichkeit. Danke, dass du nie keine Lust mehr hattest. Dass du uns gelehrt hast, dass das Leben eine reine Überzeugung ist, dass wir alles können und dass das grosse Ziel im Leben ist, zu empfinden, dass wir existieren.

Ich wünsche dir alles Gute. Und ja, die Welt da draussen ist schön. Sie wäre noch schöner, wenn mehr Kinder eine Mutter wie dich hätten.