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Bildung kennt keinen Abschluss

05 - 03 - 2019

Heute schreibe ich meine Abschlussprüfung. Und vielleicht darf ich mich danach Soziologin nennen, vielleicht darf ich dann die Frage beantworten, was ich jetzt bin und nicht mehr, was ich einmal werden will.

Das Studium ist die Zeit der leidenschaftlichen Debatten. Debatten über das Leben, gelesene Bücher und solche, die hätten geschrieben werden sollen. Es ist die Lust, wissen zu wollen, wie es gewesen wäre, wenn es anders gekommen wäre. Die Zeit von jungen Erwachsenen, die irgendwann weniger jung und mehr erwachsen sein werden. So sollte es sein. Stattdessen sind wir nur schnell da, um gleich wieder zu gehen. Wir streben nicht nach Debatten und dem Schreiben von Büchern. Wir sind zu reich, um arm zu sein und zu faul, die Welt verändern zu wollen. Wir entscheiden uns für die Vorlesung, die uns schnell ans Ziel bringt, nicht für jene, die uns interessiert. Wir sind was das Studieren zur Paradoxie macht: Ein Plädoyer gegen die Universität.

Der Studierenden-Mythos und die Geschichte lehren uns: Studierender sollte man aus Leidenschaft sein, studieren sollte man des Studieren willens und nicht aufgrund scheinbar möglichen Berufsaussichten. Natürlich gibt es anstrengende Zeiten: Sind Prüfungen an der Tagesordnung, erlahmt die Lust aufs Studieren, nicht aber der Durst nach Wissen. Wissen zu wollen ist eine Leidenschaft, die einen wohl nie wieder loslassen wird und so ist es der Sinn des Studenten-seins, von der Passion der Neugierde ergriffen zu sein und es weit über den Abschluss hinaus zu bleiben. Der unersättliche Wunsch zu erfahren, was es in der Welt alles gibt.

Gerade die Geisteswissenschaften sind aber in den Augen des Skeptikers eine Leidenschaft für die besonders brotlosen Künste. Und so kommt es, dass für viele ehemalige Kommilitoninnen die „schönste Zeit des Lebens“ am Problem falscher Ausbildungserwartungen gescheitert ist. Sie schreiben heute keine Abschlussprüfung, sie haben sich aus pragmatischen Gründen für einen Studienwechsel entschieden. Und nicht wenige von den Gebliebenen können es kaum abwarten, endlich „fertig“ zu sein und die Uni zu verlassen mit dem hoffnungsvollen Gedanken, nach dem Schreiben dieser Prüfung mehr zu sein als davor. Sie werden gehen und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurückkehren. Was sie wollten, war ein Hochschulabschluss. Und was sie jetzt wollen, ist etwas, das mit dem vermeintlich echten Leben zu tun hat. Sie wollen arbeiten, weil sie es versäumt haben, es bereits vorher zu tun und sie haben keine Lust mehr zu studieren, weil sie nie arbeiten mussten. Sie sind einfach nur froh, jetzt das zu sein, was man sein soll. Studiert. Da scheint es von geringer Relevanz, dass sich ihre Studienzeit lediglich als Parodie derjenigen grosser Denker beschreiben lässt. Natürlich sollen Studium und Arbeit nicht voneinander getrennt bleiben, im Gegenteil, Wissenschaftler müssen Teil der Welt sein, um sie zu verstehen. Brillieren tun auch unter den Berufsleuten jene, die sich ständig weiterentwickeln, über ihr Handeln nachdenken und nicht in erster Linie die Pensionierung herbeisehnen, nur um dann „endlich fertig“ zu sein.

Bildung ist keine Ausbildung

So impliziert etwa die Aussage „Mein Studium war so einfach, ich habe nichts gelernt“ den fehlgeleiteten Anspruch an die Universität, den Studierenden auszubilden. Woran aber ist diese Einfachheit gemessen? An der Erschwinglichkeit von guten Noten und Credit Points? Einfachheit ist hier der falsche Begriff, er definiert sich durch etwas Messbares, Bildung entzieht sich jeglicher Messbarkeit. Sie ist unendlich möglich und unmöglich abschliessend erringbar.

Es ist nicht der Studierende selbst, der sich diesem Druck des Fertigseins aussetzt, es ist die mittelständische Skepsis, welche Wissenschaftlern entgegengebracht wird. Es sind Fragen wie: „Wie lange musst du noch?“ oder Warnungen wie „du willst ja nicht ein ewiger Student bleiben“. Doch es gibt einen Unterschied zwischen ewigem Studieren und dem Ausnutzen des Status eines ewigen Studenten. Spätestens seit der Aufklärung wird im Rahmen westlicher Werte dafür plädiert, mit ersterem niemals aufzuhören. Man soll die Welt, in der man lebt, ständig hinterfragen, ob es nun ein Diplom dafür gibt oder nicht. Die schlimmste aller Fragen bleibt aber: „Ach, und was ist man danach?“. „Man“ ist danach nichts, man ist höchstens auch dann noch im Werden. Die Universität ist in diesem Sinne keine Ausbildungsstädte, sie ist eine Bildungsstädte und Bildung kennt keine Credit-Points und keinen Abschluss. Die älteste aller Institutionen zielt auf die Fähigkeit, Probleme zu erfassen, Erkenntnisse zu gewinnen, kritisch zu beurteilen und anderen zu vermitteln. Wobei vernetztes Denken weder mit dem Bezahlen der Studiengebühren erlangt wird, noch ist es mit dem Erhalt eines Diploms abgeschlossen.

Der Philosoph Peter Bieri hat mal gesagt: „Eine Ausbildung durchlaufen wir, mit dem Ziel etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ Der Akt des Studierens gestaltet sich nicht nach dem Muster der Vorläufigkeit, und wir werden nie abschliessend geworden sein – Diplom hin oder her – wir werden auch heute Abend immer noch im Werden sein.

Dieser Text wurde am 16. Dezember 2016 im Willisauer Boten. Er lehnt an die Rede an, welche Anja an der Abschlussfeier der Universität Luzern im Frühling 2017 halten durfte.