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Die bessere Hälfte

30 - 10 - 2019

 

 

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Vor ein paar Monaten hat mir eine Freundin ihren Partner vorgestellt: „Nun lernst du endlich meine bessere Hälfte kennen.“ Der Mann war sympathisch, erzählte viel und fragte auch bei mir und meinem Freund nach. Währenddessen wurde er konstant von seiner Geliebten angestrahlt. Schön, dass sie glücklich ist, dachte ich, und hätte sie trotzdem gerne gefragt: „Bessere Hälfte? Das heisst also, dass dieser Mann die Hälfte von dir ist und dann auch noch besser ist als das halbe Stück von dir selbst?“ Stattdessen lächelte ich und sagte: „Ich freue mich, dich kennenzulernen.“

Wahrscheinlich hätte sie geantwortet: „Das sagt man halt einfach so.“ Aber wir sollten Dinge nicht einfach so sagen, wahrscheinlich meinen wir nämlich genau das, was wir sagen und sind es uns nicht einmal bewusst. Im Verlaufe des Abends merkte ich, inwiefern diese zwei Menschen tatsächlich zu einer fusioniert waren. Sie teilten sich nicht nur den Teller, sondern auch das Stück Pizza, beantworteten jede Frage mit „wir“ und führten keine Konversationen ohne Körperkontakt zu der jeweils anderen Hälfte. Als ich meine Freundin fragte, ob sie uns noch in die Bar nebenan begleiten würde, schaute sie zuerst lang und eindringlich in die Augen ihrer besseren Hälfte, ehe sie dann stirnrunzelnd den Kopf schüttelte. „Wir gehen lieber nach Hause. Wir gehen eigentlich nicht mehr so raus. Wir haben es ein bisschen gesehen.“ Die bessere Hälfte hatte da wenig mitzureden. Aber das ist vielleicht so unter Hälften, man versteht sich, ohne etwas zu sagen. Was habt ihr gesehen? Alles? Und jetzt seht ihr nur noch einander?

Nur noch zu zweit

Wahrscheinlich liegt es am Alter, viele meiner Freunde sind um die dreissig und haben langsam gefunden, was sie im Ausgang und vielleicht auch in der grossen weiten Welt gesucht haben: Einen Partner oder eine Partnerin. So kommt es, dass wir uns immer mehr als Paare treffen und nicht einfach als Freunde. Das ist ja eigentlich alles ganz schön, aber können wir nicht doch noch ein wenig uns selbst bleiben? Wie blöd muss es sich denn anfühlen, als Single unterwegs zu sein und ständig das Gefühl zu erhalten, nur ein Halbes darzustellen. Nicht an Anlässe eingeladen zu werden, weil man keinen Partner/keine Partnerin hat und kein „+1“ bei Hochzeitseinladungen ankreuzen kann. Meine Single-Kolleginnen beklagen sich nicht selten über solche Situationen. Und sie haben recht. Was passiert mit Paaren im Verlaufe der Zeit plötzlich? Und wo bleiben unsere Freundinnen?

Was für eine komische Vorstellung vom Leben schreibt uns denn vor, nur zu zweit komplett zu sein? Waren wir vor der Beziehung nicht auch überlebensfähig? Entscheidungsfrei? Glücklich?

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30 - 10 - 2019

 

 

 

 

 

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Partner in Crime

Eine Liebesbeziehung besteht meines Wissens aus mindestens zwei Menschen und wenn diese Menschen plötzlich nicht mehr existieren, sondern nur noch als Fusion der beiden ein neues Konstrukt bilden, dann verlieren wir unsere Freunde ein Stück weit, weil sie sich selber verlieren.Mir gefällt die Vorstellung „partner in crime“ zu sein – also Komplizen – viel besser. Als Einzelperson komplett genug und zu zweit einfach doppelt glücklich.

Leider hielt die Beziehung meiner Freundin nicht lange. Sie verstand nicht, warum es nicht geklappt hatte, denn sie hätten sich beide wirklich geliebt. Aber Liebe ist weder ein Indiz für das Passen noch eine Voraussetzung dafür. Das alleine reicht nicht.

Ein besseres Ich

Es geht nicht darum, deine bessere Hälfte zu finden. Es geht darum, ein besseres Ich zu finden. Den Wert seiner eigenen Person unabhängig einer Beziehung zu kennen. Erst so sind wir doch imstande, eine andere Person zu treffen, die genauso glücklich und unabhängig ist. Probleme in der Beziehung zeugen doch oft viel mehr davon, dass man an sich selber arbeiten muss, nicht an der Beziehung. Eine Beziehung soll nicht die Lücken im eigenen Leben schliessen. Man soll sich nicht in die Tatsache verlieben, wie ein Partner aussieht, sondern in die Art, wie er die Welt sieht. Man soll auch nicht die eigenen Werte ändern, nur um eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass der Partner oder die Partnerin an uns glaubt, wir müssen lernen, an uns selbst zu glauben.

Und wir sollten „für immer“ verhindern. Was wissen wir denn schon von der Ewigkeit? Wenn eine Beziehung zu Ende geht, sollten wir uns die Zeit für die Verarbeitung nehmen und nicht gleich die nächste bessere Hälfte suchen, ohne aus der Erfahrung mit der letzten zu lernen.

Denn wir sind als Einzelpersonen genug. Gehe raus, habe Spass, gehe in die Welt, von Zeit zu Zeit auch ohne deinen Komplizen oder deine Komplizin. Stelle sicher, dass du glücklich bist, auch wenn du alleine bist. Vergiss nicht, diese wunderbare Person zu entdecken, die du dich entschieden hast zu sein. Denn auch wenn man einen anderen Menschen liebt und zurückgeliebt wird: Manchmal entscheidet das Leben. Und dann ist es gut, sich selber auch lieben zu können.

Eine gesunde Beziehung soll gerade deshalb glücklich machen, weil man sich nach wie vor als Ganzes fühlen kann. Als Ich; ohne eine Hälfte von irgendwem zu sein. Das Leben ist viel zu kurz, um nur zur Hälfte anwesend zu sein.

anja glover freund
30 - 10 - 2019

 

 

 

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