Anti-Rassismus für Lehrpersonen

23 - 08 - 2021

Was können Lehrpersonen gegen Rassismus tun? Die Handlungsempfehlungen von Anja Glover dienen als erste Schritte in einen anti-rassistischen Schulunterricht.

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Struktureller Rassismus ist Teil unserer Gesellschaft und verbirgt sich in ganz verschiedenen Bereichen des Alltags. Er manifestiert sich als strukturelles Macht- und Ungleichheitsverhältnis und ist nicht nur in unserem Denken, Handeln und Fühlen, sondern auch in Institutionen wie der Schule vorhanden. Um sich dem diskriminierenden System zu widersetzen, reicht es nicht aus, nicht rassistisch zu sein, man muss aktiv anti-rassistisch handeln. Dabei gilt es in einem ersten Schritt Rassismus-Vorfälle identifizieren zu können und sich danach um die Prävention und in konkreten Fällen um Intervention zu kümmern. Dies mit dem Ziel, die Chancengleichheit zu fördern.

Rassismus identifizieren

Hinterfragen der eigenen Position

Als Lehrperson ist es zentral, stets die eigene soziale Positionierung im Hinblick auf Rassismus als bedeutsam für die eigene Sichtweise mitzudenken. Auch Lehrende haben kolonial geprägte rassistische Bilder und Handlungsweisen erlernt und verinnerlicht und es gilt diese aktiv abzubauen. Dafür bedarf es einer eigenen Auseinandersetzung zum Thema, den eigenen Privilegien und dem eigenen Sprachgebrauch.

Kritische Betrachtungsweisen der Lehrmaterialen

Aktuelle Bildungsmaterialien enthalten nach wie vor verharmlosende und einseitige Darstellungen der Kolonialzeit. Als Lehrperson können Sie die Inhalte zusammen mit den Lernenden oder anderen Lehrpersonen kritisch diskutieren, um zu verhindern, diese unreflektiert zu reproduzieren. Das gilt auch für Materialien, die über das Thema Kolonialismus hinausgehen. Kolonialrassistische Darstellungen können sich in allen Bildungsmaterialien unabhängig vom Thema wiederfinden.

Rassismus-Vorfälle erkennen und intervenieren

Für den Umgang mit Konflikten verfügen die meisten Schulen über Gremien oder Ansprechpersonen für schulinterne Lösungen. Bei Rassismus-Vorfällen können zudem weitere Fachpersonen herangezogen werden.

Prävention

Aktive Thematisierung von Rassismus

Um sich einem Unterricht frei von Diskriminierungen anzunähern, bedarf es einer stetigen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Diskriminierungsthemen und der Verwobenheit ebendieser. Behandeln Sie das Thema Rassismus mit der eigenen Klasse, erarbeiten Sie gemeinsam mit den Schüler*innen Regeln für einen anti-rassistischen Umgang miteinander, und laden Sie allenfalls eine Fachperson für einen Anti-Rassismus Workshop ein.

Partizipation fördern

Viele Kinder und Jugendliche werden in ihrem direkten Umfeld für das Thema Rassismus sensibilisiert und setzen sich in der Schule gegen Rassismus ein. Als Lehrperson können Sie dieses Verhalten fördern und wertschätzen, um andere Kinder dazu zu motivieren, sich ebenfalls gegen Diskriminierungen einzusetzen.

Verlangen Sie keine Erklärung von Betroffenen

Nicht-weisse Menschen werden oft gebeten Themen zu erklären, bei denen man aufgrund ihres Nicht-weiss-seins davon ausgeht, sie wüssten Bescheid. So werden Schwarze Kinder etwa gefragt, ob sie den Songtext eines „afrikanischen“ Lieds verstünden. Damit findet ein „othering“ statt, man bringt Betroffenen bei, dass sie anders seien und ignoriert die Tatsache, dass viele Kinder im oben erwähnten Beispiel allenfalls keine andere Sprache kennen als Deutsch – und, dass „Afrikanisch“ keine Sprache ist.

Reproduktion verhindern

Gerade Kinder haben die Vorurteile noch nicht in ihrer Denkweise verfestigt und darum ist es wichtig, sensibel mit der eigenen Sprache umzugehen. Obwohl kaum jemand beim Spiel «Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?» böse Absichten hat, lernen Kinder von Anfang an, dass man vor Schwarzen Männern Angst haben muss und wegrennen soll.

Rekrutierung

Nebst Unterrichtsmaterialen und Sensibilisierung der tätigen Lehrpersonen, sollen künftig auch Lehrpersonen eingestellt werden, die selber nicht als weiss gelesen werden und entsprechend Vorbilder für Schüler*innen sein können, die sich in der Minderheit befinden. Falls Sie ein Mitsprachrecht haben, nutzen Sie Ihre Stimme.

Es ist nicht Ihre Schuld, dass Rassismen in unserer Kultur und Sprache verankert sind, aber es ist liegt unter anderem in Ihrer Verantwortung, etwas dagegen zu tun. Das Recht auf Bildung gibt einen diskriminierungsfreien Zugang zu Bildung für alle Beteiligten der Gesellschaft vor.

 

* Dieser Text entstand im Rahmen eines Auftrags von einem renommierten Schweizer Lehrmittelverlag. Sie beauftragten Anja damit, eine kurze Checkliste zu erstellen, welche Lehrer*innen dabei helfen soll, einen anti-rassistischen Unterricht zu führen. Diese Liste hat sie zusammen mit einem Sek- und Gymnasiallehrer erarbeitet, von weiteren pädagogischen Fachkräften gegenlesen lassen und abgegeben. Der Verlag entschied daraufhin, dass dieser Text zu viel »politischer Sprengstoff« enthalten würde, dass sich Lehrpersonen angegriffen fühlen könnten, und (eine für uns gegensätzliche Aussage), dass die Lesenden denken könnten »In welcher Welt lebt denn Frau Glover?« (Weil es Rassismus in dieser Form so hoffentlich ja nicht mehr gäbe.)
Dass der folgende Text, welchen wir hier mit möglichst vielen von euch teilen möchte, im Jahr 2021 von einem Lehrmittelverlag mit dieser Begründung abgelehnt wird, sagt mindestens so viel aus, wie der Text selber. Der Verlag hat den Auftrag bezahlt und Anja zu einem Gespräch mit der Redaktion eingeladen und dazu, sie mit einem Workshop zu begleiten. Der Text soll trotzdem nicht publiziert werden und der Verzicht auf eine Publikation von ihrer Seite her war erwünscht. Es wurde ihr auch die Frage gestellt, ob sie allenfalls als Schreibende einfach nicht mit der Kritik umgehen könne. Aber geht es hier wirklich um Kritik an einer Schreibweise, wenn ein komplettes Thema aufgrund von »politischer Sprengkraft« gestrichen wird? Viele Betroffene hätten sich  Schülerin gewünscht, dass sich jemand dafür einsetzt, dass Lehrpersonen lernen, was Rassismus genau ist. Und für all diese Schüler*innen setzen wir uns heute ein. Anja: „Ja, ich bin eine Schreibende, aber für mich geht die Verantwortung als Schreiberin darüber hinaus, meinem Auftraggeber oder meiner Kundschaft gerecht zu werden. In der Welt, in der ich lebe, ist es dringend nötig, dass auch Lehrpersonen lernen, was Rassismus ist. Auch wenn es ihnen dabei etwas unangenehm ist.“

Wir danken euch fürs Teilen dieses Textes mit eurem Umfeld und mit Lehrpersonen, so dass das neue Schuljahr so anti-rassistisch wie möglich beginnen kann.