Anja Glover Corona

Hausarrest für alle

23 - 03 - 2020

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Es ist fast so als wären wir alle ins Zimmer geschickt worden, um darüber nachzudenken, was wir getan haben. Aber vielleicht ist das, was wir hier erhalten haben, ein Stück weit eine Chance für die Zukunft.

Anfangs Woche hatte ich Geburtstag. Natürlich konnte ich an jenem Tag aufgrund der aktuellen Situation weder meine Familie noch meine Freunde sehen. Aber an diesem Tag wurde mir auch mein letzter Auftrag gestrichen. In meinem Kopf hämmerte es. Statt wie sonst bei meinen selten auftretenden Kopfschmerzen eine Tablette zu schlucken, schenkte ich mir ein Glas Wasser ein und setzte mich auf die sonnige Terrasse. Für ein paar Minuten machte ich nichts. Ich spürte die Sonne auf meiner Haut, schaute wie die zwitschernden Vögelchen über den Lac Leman flogen, hörte den in der Nachbarschaft spielenden Kinderstimmen zu. Es roch nach Frühling und es fühlte sich trotz den schlechten Nachrichten gut an. Wie paradox das Ganze doch ist. Noch vor ein paar Wochen hatte ich mir nichts mehr als ein bisschen Zeit gewünscht. Einfach nur Zeit. Und jetzt war plötzlich alles weg, einfach so. Bis auf die Zeit. So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Aber was, wenn das genau die Pause ist, die wir alle gebraucht hatten?

Das Coronavirus zwingt uns zum Innehalten. Uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und zur Entschleunigung. Unserem Einfallsreichtum und Konsumwahnsinn tut das gut. Wie schön ist es doch, die Versammlungen auf den Balkonen zu hören, die Unterstützung von Freunden und Familien zu spüren. Eine Freundin, die mich an diesem Tag angerufen hatte, erzählte mir, dass in den Kanälen von Venedig wieder Fische schwimmen. Was für wundervolle Neuigkeiten.

Was wir hier erhalten haben, ist ein Stück weit eine Chance für die Zukunft. Es ist fast so, als wären wir alle ins Zimmer geschickt worden, um einmal darüber nachzudenken, was wir eigentlich tun. Hausarrest eben. Wir haben nun die Zeit, unseren Lebensstil zu überdenken. Wenn wir nicht nach draussen gehen können, müssen wir eben nach innen gehen. Uns mal wieder selber kennenlernen und mit uns selber beschäftigen. Was brauchen wir wirklich? Was bereichert unser Leben? Was bleibt, wenn wir alles verlieren? Wie aufmerksam sind wir? Erkennen wir wann und wo es Hilfe braucht? Jetzt wo wir in unsere vier Wände fliehen, können wir nachvollziehen, wie es fliehenden Menschen geht? Warum konsumieren wir so viel, helfen uns diese Dinge nun weiter? Ist Massentierhaltung als Risikoherd für Pandemien noch sinnvoll? Wie können wir einander und der Welt Sorge tragen?

Gemeinsamer Gegner, gemeinsames Ziel

Bei all den Differenzen, die in unserem Leben vorherrschend sind, haben wir nun weltweit den gemeinsamen Gegner und das gemeinsame Ziel: Das Verhindern einer schnellen Verbreitung des Virus, die Schonung des Gesundheitswesens, das Retten von Menschenleben. Dafür bleiben wir zu Hause. In den Sozialen Medien heisst das «Social Distancing», soziales Distanzieren. Aber geht es nur mir so oder sind wir uns so nahe wie kaum zuvor? Wir haben plötzlich Zeit uns um jene zu kümmern, die unsere Unterstützung brauchen und wir tun es gerne, nachbarschaftlich und selbstlos. Die Krise stellt unsere Gesellschaft auf die Probe. Und Solidarität ist das einzige Mittel diese Probe zu bestehen.

Dennoch höre ich immer wieder, dass es Leute gibt, die sich langweilen. Langweile ist ein schönes Problem. Aber dafür gibt es nun wirklich keinen Grund. Wer nicht mit Arbeiten oder Lernen beschäftigt ist, ruft Familie und Freunde an, stellt Betroffenen Lebensmittel vor die Türe. Was wir nun brauchen sind Solidarität, Empathie und Hilfsbereitschaft. Oder man könnte endlich mal wieder ein Buch lesen oder ein paar Übungen für den Körper machen. Gibt es nicht ein Fotoalbum, das längst darauf wartet, gemacht zu werden? Den Garten vorbereiten oder den Schrank ausmisten? Warum nicht einen Brief schreiben oder ein Puzzle machen?

Einige Eltern fürchten sich, dass ihre Kinder weniger lernen würden, wenn sie nicht in die Schule können. Warum nicht die Zeit nutzen, um ihnen das Kochen und Waschen beizubringen, oder wie man einen Knopf annäht oder Essbares pflanzt? Oder etwa wie man sein Immunsystem ohne Medikamente schützt? Es gibt doch so viel zu lernen. Und nicht alles lernt man in einem Klassenzimmer. Vielleicht haben wir es vor lauter Prüfungen und Schulstunden sogar versäumt, die essenziellen Dinge zu lernen. Jetzt können wir das nachholen. Wir haben Zeit. Zu Hause arbeiten und lernen, das machen jetzt nicht mehr nur wir Reisenden, plötzlich können und dürfen es alle.

Bisher war ja vieles nicht möglich und nicht umsetzbar, das jetzt plötzlich geht. Meistens ging der Verzicht der Wirtschaft zu liebe nicht. Nun verlieren aber ganz viele, wofür sie hart gearbeitet haben. Aber das ist in den meisten Fällen irgendwie übersteh- und verkraftbar. Und wer weiss, wenn die jüngere Generation jetzt verzichtet, damit die ältere die Corona-Krise überlebt, kann die ältere vielleicht danach verzichten, damit die jüngere die Klima-Krise überlebt. Es gibt so vieles, was jetzt plötzlich möglich wird oder wofür wir nun Zeit haben. Unsere Einschränkungen werden nach einer gewissen Zeit entfallen, aber die gewonnene Einsicht sollte bleiben und als Erfahrung genutzt werden: Das Leben geht weiter, auch wenn der Konsum eingeschränkt ist – man muss sich nur arrangieren und sich gegenseitig helfen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als der Glauben, dass alles, was hier geschieht, für uns geschieht.

Nehmt euch diese Zeit, denkt nach und atmet die frische Frühlingsluft ein. Gönnt der Natur diese Zeit. Das hier ist vielleicht unsere Chance. Unsere Chance, die wichtigen Dinge zu lernen und tun. Und jetzt muss ich gehen. Keine Angst, ich gehe nicht weit. Ich bleibe zu Hause. Aber ich brauche meine Hände, um zu applaudieren. Für all jene, die uns durch diese Krise bringen und zeigen, dass wir zusammen stärker sind als alleine.

Veröffentlicht in meiner Kolumne im Willisauer Bote am 23. März 2020